Es gibt nur selten ein Buch, das den Betrachter und dann den Leser so sehr in den Bann zieht wie dieses großformatige Werk der beiden Autoren Kai Gedeon und Torsten Pröhl: „Noahs Rabe, Artenvielfalt in Äthiopien“. Der Untertitel benennt die Artenvielfalt in Äthiopien, aber in Wirklichkeit umreißt der Band viel mehr. Er führt in die Geografie und die verschiedenen Vegetationsbereiche des Landes ein, skizziert in vielen Einzelkapiteln die Leistungen früherer Forschungsreisender und Sammler bis hin zu den Entdeckern neuer Vogelarten noch in der Gegenwart – alles Forscher, die sich mit viel Wagemut in das seinerzeit unerschlossene Land wagten und Fauna und Flora Europa zugänglich machten.

In sechs Kapiteln werden einzelne biogeografische Regionen vorgestellt, ihre Menschen, die dortigen Landschaften, schließlich die lokale Biodiversität und – pars pro toto – die Vogelfauna. Auf 260 Seiten werden einzelne Reiseziele vorgestellt und die dortigen Besonderheiten skizziert, nicht nur Vögel. Als Reiseführer darf man das Werk indes nicht verstehen; es gibt profunde Anregungen und Hilfe zur Selbsthilfe. Ein Epilog weist auf die Gefahren hin, die auch der äthiopischen Fauna und Flora drohen. Die Klimaerwärmung fordert schon heute ihren Tribut, ferner die Erschließung auch abgelegener Gebiete durch Straßen, ebenso die stark wachsende Bevölkerung. Die oft beobachtete Gleichgültigkeit äthiopischer Behörden gegenüber etablierten oder doch auf internationalen Druck endlich einzurichtender Schutzgebiete wird eindrücklich geschildert. Noahs Rabe, der heutige Erzrabe, der größte Singvogel überhaupt, der in der äthiopischen Version der biblischen Sintfluterzählung eine eigene Rolle spielt, möge kein Sinnbild sein für das, so führen die Autoren aus, was über Äthiopien und die ganze Erde letztlich hereinbrechen könnte.

Seine anschauliche und informative Wucht bekommt dieser Band durch die meisterhaften großformatigen Fotografien von Torsten Pröhl, die uns erlauben, die biologische Vielfalt Äthiopiens vor unserem Auge lebendig erleben zu lassen – ja, in uns den Wunsch erwecken, selbst dorthin zu reisen und dieses Land zu erkunden. Eindrücklich werden Landschaften, Menschen in ihren Siedlungen, Pflanzen, Säugetiere und Vögel in oft stimmungsvollen Bildern vorgestellt. Sie lassen keinen Wunsch offen.

In Anbetracht der hohen Qualität dieses Werkes sowohl in wissenschaftlicher wie auch umfassend synthetischer Sicht auf die Naturgegebenheiten Äthiopiens empfehlen wir, den diesjährigen Preis der Gesellschaft für Tropenornithologie an Kai Gedeon und Torsten Pröhl zu verleihen. Das geschieht auch angesichts der Tatsache, dass beide Autoren aufgrund langjähriger eigener Forschungen in Äthiopien die vielfältigen Fakten zu Natur- und Landeskunde zusammengetragen, geschickt miteinander verknüpft und somit ein solides Werk zur Naturgeschichte Äthiopiens vorgelegt haben.