Ende Oktober 2022 startete mein drei Monate andauernder Forschungsaufenthalt im Südwesten Costa Ricas, genauer gesagt in Puntarenas, zwischen dem Nationalpark Piedras Blancas und den Ausläufern der Talamanca-Gebirgskette. Das Ziel des Aufenthalts bestand darin, an 30 Standorten in Primär- und Sekundärwäldern die Vogelgemeinschaft im Unterholz zu erfassen. Primärwälder sind Regenwälder in den Tropen, die nicht oder kaum vom Menschen beeinflusst sind. Sekundärwälder hingegen entstehen auf waldfreien Flächen durch natürliche Sukzession oder aktive Aufforstung. Meine Masterarbeitsbetreuer und ich wollen mit den Daten Veränderungen in der Vogelgemeinschaft in Sekundärwäldern quantifizieren, um anschließend den Wert für die Artenvielfalt der nachwachsenden Wälder im Vergleich mit Primärwäldern besser beurteilen zu können. Dazu haben wir uns zur Datenaufnahme Japannetzen bedient, um damit auch sehr unscheinbare und schwer zu erfassende Arten im z.T. dichten Unterholz nachweisen zu können. Ein weiterer Vorteil des sog. Mist Netting ist die Standardisierbarkeit. Denn um eine Fragestellung meiner Masterarbeit, wie hoch der Arten-Turnover innerhalb eines Jahres in unterschiedlich alten Wäldern ist, zu beantworten, ist ein Vergleich der Fangdaten aus der zweiten Fangperiode (November 2022 bis Januar 2023) mit den Daten der ersten (November 2021 bis Januar 2022) notwendig. Zusätzlich interessieren uns jedoch auch die Beta-Diversitäten zwischen Standorten unterschiedlichen Alters, also auch die Unterschiedlichkeit der Sekundärwälder während der Sekundärwaldsukzession. Für die Auswertung standen mir, zusätzlich zu meinen Daten, die Fangergebnisse zweier Masterstudentinnen zur Verfügung, was mir im Jahr 2023 erlaubte, mich ganz der Auswertung und dem Schreiben der Arbeit zu widmen, worum es in diesem Bericht allerdings nicht gehen wird. Drei Monate Vögel in Costa Rica beringen lässt einen Erfahrungsschatz entstehen, der beobachtenden und fotografierenden Reisenden oder (angehenden) Wissenschaftlern eine Hilfe sein kann und den ich gerne mit Ihnen teilen möchte. Die Artnamen für diesen Feldarbeitsbericht sind Barthel et al. (2022) entnommen.

Wie das für alle Exkursionen notwendig ist, starten wir auch hier mit der Anreise, die durch viel Gepäck gekennzeichnet ist. Durch die jährlichen Forschungsreisen meines Betreuers nach Costa Rica war etwas Equipment (z.B. Stangen), das zum Mist Netting notwendig ist, bereits an einer Tropenstation deponiert. Jedoch muss zusätzlich einiges mit Rucksack oder Koffer transportiert werden (mind. 10 Netze (inkl. Ersatz), Stoffbeutel für die Vögel, Waage, Lineale, Ringe, usw.). Dies reduziert wiederum den Platz im Rucksack für Kleidung, die sowieso in den Wochen im Regenwald stark strapaziert wird. Zum Glück wird man schon nach wenigen Tagen sehr tolerant gegenüber verschmutzter und geruchlich unangenehmer Kleidung, denn Rückstände tiefgründig verwitterter und durchnässter Lehmböden finden sich schnell an so gut wie allen Orten und Kleidungsstücken. Hohe Temperaturen und Luftfeuchtigkeit tragen ihr Übriges dazu bei. Aufgrund dessen ist es enorm hilfreich, wenn Papiertücher und ausreichend sauberes Wasser im Feld vorhanden sind, um wenigstens das Messequipment sauber zu halten. Wasser findet man an günstigen Standorten im nahegelegenen Bach oder muss andernfalls mit sich getragen werden.

Doch der Reihe nach: An unserer Unterkunft „Tropenstation La Gamba“ angekommen, konnten Dominik (ein weiterer Masterstudent) und ich uns direkt einrichten und unser Zimmer beziehen. Für die gesamte Feldarbeitszeit waren Dominik und ich gemeinsam unterwegs, denn allein ist die Anzahl an Standorten in dieser Zeit und die Zahl der gefangenen Vögel nicht zu bewältigen. Den Luxus eines Labors mit klimatisierter und damit getrockneter Luft an der Tropenstation La Gamba können nicht viele Forschungsstationen im Regenwald aufweisen. Dieser klimatisierte Raum war für uns enorm wichtig, wie sich noch zeigen wird. Nach kurzer Eingewöhnungszeit sind Dominik und ich den ersten unserer geplanten 30 Standorte in der Nähe der Station angelaufen, um dort sechs Netze (12 x 2,5 m, 16 mm Maschenweite) aufzubauen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten (trotz Mist Netting- Erfahrung) spielten wir uns als Team perfekt ein und unsere Netzaufbauzeiten an völlig unbekannten Standorten wurden gegen Ende der Feldarbeit rekordverdächtig. Nach dem exakten Auffinden mittels GPS-Gerät der Netzstandorte aus dem Jahr zuvor begann einer von uns mit einer Machete die insgesamt 72 m lange, nicht zusammenhängende Schneise im dichten Unterholz für die Netze zu schlagen, während der andere schon mit dem Aufbau des ersten Netzes startete. Die Netzstangen aus Carbon steckten wir einige Zentimeter in den aufgeweichten Boden und befestigten mit ein bis zwei Expandern die Stangen auf Brusthöhe an kleinen Bäumen. Waren die Netze an einem Standort aufgebaut und geschlossen (also nicht fängig), konnten wir uns auf den Rückweg zur Station machen, was je nach Entfernung zur Station 10 bis 60 min dauerte. Am nächsten Morgen klingelte der Wecker ca. eineinhalb bis zwei Stunden vor Sonnenaufgang. Wir packten unser gesamtes Equipment (Stoffbeutel für die Vögel, ein Jutebeutel pro Person für die Stoffbeutel, Waage, Wiegetrichter, Schieblehre, Feder- und Flügellineal, Ringe, Beringungszangen, Bestimmungsliteratur, Datenblätter, Klemmbrett, Verpflegung, viel Trinkwasser, Moskito-, Sonnen-, Regenschutz, Ersatzbatterien, Hocker, Machete, Bestimmungsliteratur, Erste-Hilfe-Set und ganz wichtig: Fernglas und Kamera) in unsere Rucksäcke ein und machten uns lange vor Sonnenaufgang auf den Weg zu unserem Standort. Hierfür ist eine sehr gute Stirnlampe essenziell, denn sogar während der ersten Netzkontrollen nach Sonnenaufgang kann es im Wald noch ziemlich dunkel sein. Lag der Standort ein paar Kilometer von der Station entfernt, radelten wir mit alten Rädern so weit in die Richtung, wie uns die Schotterstraßen ließen, um anschließend noch die letzten Meter bis Kilometer im Dunkeln durch das Unterholz zu Fuß zurückzulegen. An unseren am Tag zuvor aufgebauten Netzen angekommen, öffneten wir diese um ca. 05:30 Uhr, da es nun gerade hell zu werden begann. Ab diesem Zeitraum hatten wir knapp 30 min. bis zur ersten Netzkontrolle, um unseren Beringungsplatz aufzubauen und um unser Frühstück zu uns zu nehmen. Für unseren Beringungsplatz wählten wir immer eine Stelle, die nicht zu nah, aber auch nicht zu weit weg von unseren Netzen lag und möglichst eben war. Auf zwei von unseren kleinen Hockern machten wir es uns so gut es ging bequem und bauten aus dem dritten Hocker und dem Deckel einer Brotdose einen Tisch für die Waage. Das restliche Equipment platzierten wir auf gefallenen Bananen- oder Heliconiablättern, die uns für eine gewisse Zeit jedenfalls eine saubere Ablagefläche boten.

Zur ersten Netzkontrolle gingen wir um 06:00 Uhr zu unseren Netzen, holten dort alle Vögel, die sich darin verfangen hatten, heraus und platzierten sie, jeden für sich, in einen Stoffbeutel. Darin trugen wir die Vögel zu unserem Beringungsplatz, um sie dort zu vermessen und zu beringen. Während einer den Vogel beringte, notierte der andere auf unseren vorgefertigten Datenblättern mit Bleistift alle Werte. Bei der Beringung erfolgte als erstes die Artbestimmung. Dies erforderte gerade in den ersten Tagen einiges an Konzentration und konnte bis zuletzt bei seltenen Arten etwas Zeit und Bestimmungsliteratur (in unserem Fall: Garrigues und Dean 2014) in Anspruch nehmen. Danach bekam der Vogel einen Ring in passender Größe an seinen rechten Tarsus. Da uns leider zu Beginn noch keine Alu-Ringe zur Verfügung standen und wir nur die Genehmigung der Costa-Ricanischen Behörde hatten, Vögel markieren zu dürfen, jedoch nicht mit ausländischen Alu-Ringen, mussten wir eine gewisse Zeit lang Farbringe verwenden . Jede*r, der*die damit schon gearbeitet hat, weiß, wie viel zeitaufwändiger bis zu vier Farbringe pro Vogel im Vergleich mit einem Alu-Ring sind. Hier kann ich nur jedem*r empfehlen, sich viele Monate im Voraus um alle Genehmigungen zu kümmern. Nach der Markierung nahmen wir die Geschlechts- uns und Altersbestimmung vor, wobei Letzteres nur in wenigen Fällen möglich war, da dieser Aufenthalt unsere erste Beringungserfahrung in den Neotropen darstellte. Großgefiedermauser notierten wir dennoch und im Falle von nordamerikanischen, überwinternden Vögeln nahmen wir noch Fett- und Muskelwerte auf. Die Größenmerkmale, die wir aufnahmen, waren Flügellänge, Teilfederlänge (P8) und Tarsuslänge. Die Gewichtermittlung bildete den Abschluss der Beringung und dann ließen wir den Vogel umgehend frei. Diese Prozedur wiederholten wir in dieser Weise für jeden Vogel und sie nahm i.d.R. nicht mehr als ein bis zwei Minuten pro Vogel in Anspruch.

Einen gewissen Sonderstatus nahmen Kolibris ein. Nicht nur wurden sie vor allen anderen Vögeln vermessen, sondern erhielten auch keinen Ring. „Ringe“ für Kolibris existieren zwar bereits, erfordern jedoch zusätzliche Erfahrung und unverhältnismäßig viel Zeit bei der Markierung, weshalb dies in unserem Beringungsprogramm zu zweit nicht realisierbar war. Deshalb wurden die Kolibris von uns markiert, indem wir eine äußere Schwanzfeder um wenige Millimeter einkürzten. Diese Markierung besteht natürlich nur so lange, bis der Vogel mausert. Doch da wir nur zwei Tage an einem Standort verbracht haben, ist diese Methode ausreichend. Individuen der gleichen Art können hierbei aber nicht unterschieden werden. Mit der notwendigen Vorsicht müssen natürlich alle Vögel in der Hand gehalten werden, doch Kolibris ganz besonders. Denn Kolibris zeigen eine erhöhte Neigung zur Schockmauser der Schwanzfedern. Fast unmerkliche Krafteinwirkungen auf die Schwanzfedern führen nicht selten zum Verlust derselben, was unbedingt vermieden werden sollte.

Um 06:30 mussten alle Vögel des ersten Kontrollgangs beringt und entlassen sein, um die Netze erneut kontrollieren zu können. 30 Minuten zwischen allen Kontrollen stellen den besten Kompromiss zwischen Stress für die Vögel und Störungsarmut (möglichst kurzzeitige Anwesenheit von uns Beringer*innen unmittelbar an den Netzen) dar. Die Fangzahlen von Kontrolle zu Kontrolle schwankten stark. Reihte sich an machen Standorten (i.d.R. Primärwälder) eine Nullrunde an die nächste, so blieb in manchen Sekundärwäldern kaum Zeit zur persönlichen Verpflegung, wenn jede halbe Stunde über 15 Vögel im Netz hingen. So hatten wir oft am ersten Fangtag an einem Standort alle Hände voll zu tun und unterbrachen unsere Arbeit erst um 15:00. Standardgemäß schlossen wir um diese Zeit die Netze und machten uns auf den Rückweg zur Station. Am Tag darauf nahmen wir das Mist Netting wieder auf, doch beendeten wir die Fangaktivität an jedem Standort am zweiten Tag bereits um 11:00 Uhr. Denn direkt im Anschluss bauten wir die Netze wieder ab, um sie zum nächsten Standort per Rad oder zu Fuß zu transportieren und dort wiederum direkt aufzubauen. Am neuen Standort blieben die Netze ebenfalls vorerst geschlossen, damit wir sie um 05:30 Uhr des folgenden Tages öffnen konnten.

Hinsichtlich der Verpflegung hatten wir den Luxus, dass an der Tropenstation „La Gamba“ Köchinnen für uns, andere Wissenschaftler und Touristen drei Mahlzeiten zubereiteten oder zum Mitnehmen ins Feld bereitstellten. Ohne diese köstliche und zeitsparende Verpflegung wären Tage während unseres Auslandsaufenthaltes notwendig gewesen, in der wir Besorgungen hätten tätigen müssen, was die Tage für die eigentliche Feldarbeit reduziert hätte. Ein weiterer Vorteil bekocht zu werden ist der, die typische lokale Küche kennen zu lernen, d.h. jeden Morgen Gallo Pinto (Reis mit Bohnen).

Während der Netzfänge können neben den Zielarten auch andere Tiergruppen in die Netze gehen. So bleiben von Zeit zu Zeit große Hymenopteren (in diesem Fall v.a. Wespen und Bienen) in den Netzen hängen, die nur unter großer Vorsicht vor dem Stachel wieder aus dem Netz befreit werden können. Ab und an sind jedoch auch, v.a. während der ersten Netzkontrolle, Fledermäuse in den Japannetzen. Da Fledermäuse eine andere Morphologie besitzen als Vögel, sind diese auch anders im Netz verstrickt und auf andere Weise herauszuholen, bzw. in der Hand zu halten. Deshalb ist es von enormer Hilfe und für das Wohl der Tiere erforderlich, das Handling von Fledermäusen im Vorhinein unter professioneller Anleitung erlernt zu haben. So wie das auch für die Vögel von Notwendigkeit ist. Für den eigenen Schutz sind Lederhandschuhe und Einweg-Gummihandschuhe wichtig, um die Hände vor schmerzhaften Bissen und den noch gefährlicheren Rabies-Viren (Tollwut-Erregern) im Speichel der Tiere zu schützen, sowie eine zuvor erhaltene Impfung dagegen.

Neben unerwünschten Tieren in den Netzen sind es jedoch oftmals die ersten Stunden des Tages, die Vogelarten in den Netzen aufweisen, die sonst selten bis nie den Rest des Tages im Netz landen. So ist eine Pauraquenachtschwalbe (Nyctidromus albicollis) nur ein einziges Mal von uns beringt worden und auch zwei der drei gefangenen Diademmotmots (Momotus lessonii) wurden von uns zur ersten Netzkontrolle beringt. Ebenso sind alle sechs gefangenen Graubrust-Ameisendrosseln (Formicarius analis) während der ersten Stunde des Tages ins Netz gegangen. Genau wie die beiden letzten Arten sind viele tagaktive Arten deutlich betriebsamer während der noch kühlen Morgenstunden und grenzen bspw. ihr Revier durch Gesang oder Kontrollen der Reviergrenzen ab. Denn im Rest des Tages fliegt die Graubrust-Ameisendrossel selten vom Boden auf, wodurch Nachweise dieser Art im dichten Unterholz schwierig werden.

Eine Vogelart, die praktisch nie den Waldboden berührt, ist der Kakaobaumsteiger (Xiphorhynchus susurrans). Baumsteigern sind unseren heimischen Baumläufern sehr ähnlich, doch weitaus diverser. Aufgrund der starken Füße und spitzen Krallen erfordert die Beringung von Baumsteigern und Spechten die richtige Balance aus Kraft und Gefühl. Ein kräftiger Handgriff ist ebenfalls notwendig, um einen Feuerschnabelarassari (Pteroglossus frantzii) nicht entkommen zu lassen. Dabei sollten Hände und Kopf stets außer Reichweite des Schnabels gehalten werden, denn die scharfen Kanten des Schnabels möchte man nicht zweimal spüren. Feuerschnabelarassaris sind generell keine häufige Art, kommen selten aus dem Kronendach in das Unterholz des Regenwaldes herunter und sind gleichzeitig zu groß für Japannetze mit 16 mm Maschenweite. Trotz alledem konnten wir die Farben dieses bunten Vogels aus der Nähe bestaunen. So waren es genau jene unerwarteten Vögel, die neben vielen wundervollen Arten in unseren Händen herausstachen und die Beringung so aufregend machten.

Mit bunten Vögeln lässt sich nun eine sehr einfache Überleitung zu einer ganzen Reihe von weiteren Vogelarten schreiben, so auch auf den Stirnfleckenorganist (Euphonia imitans) und den Erzfischer (Chloroceryle aenea). Die Organisten sind mit vielen sehr ähnlichen Arten in Costa Rica vertreten und haben ihren Namen aufgrund des wohltönenden Klangs ihrer Stimme erhalten. Den Erzfischer findet man in Costa Rica hingegen nicht an Bächen mit gewisser Größe, an denen sich unser heimischer Eisvogel (Alcedo atthis) aufhalten würde, sondern an buchstäblichen Rinnsalen und Pfützen, die sich tief im Regenwald befinden und während der Regenfälle anschwellen, sodass sie die Bezeichnung Bach gerade so eben verdienen. Dort findet der Erzfischer winzige Fische, Insektenlarven und Kaulquappen (Stiles und Skutch 1991). Bäche allgemein spielen eine große Rolle, um in den Tropen zu teils von Wegen und Pfaden abgelegenen Standorten zu kommen und zu finden. Nach der Regenzeit ist es möglich, am Vormittag und Mittag den kleineren Bachbetten bequem bis in die Nähe des Standorts zu folgen. Doch Angst vor nassen Füßen sollte trotzdem niemand haben. Denn mit Beginn des Regens am Nachmittag sollte man das Bachbett verlassen haben, da innerhalb von wenigen Minuten der Pegel um ein Vielfaches ansteigt und der Bach nicht mehr durchwatet werden kann. Erst in der Nacht, Stunden nach Ende des Regengusses, zeigt der Bach wieder sein ruhiges Gesicht. Eine Dynamik, die sich beinah täglich (auch in der „Trockenzeit“) wiederholt. Noch kleinere Bäche bieten dagegen rein optisch eine wunderschöne Abwechslung inmitten des vorherrschenden und immergrünen Regenwaldes. Doch auch diese sind während und nach dem Regen durch den heftigen, braunen Oberflächenabfluss kaum wieder zu erkennen.

Wenn wir den Regen, der auf das Blätterdach einprasselte, hören konnten (durch das Kronendach sind die sich anbahnenden Cumulonimbus-Wolken kaum zu sehen), war schnelles Handeln angesagt. Sofort eilten wir zu den Netzen, um dort alle Vögel herauszunehmen und in die Stoffbeutel zu legen. Die Netze schlossen wir sorgfältig, damit sich keine Tiere verfangen und die Netze geschont werden konnten. Die noch trockenen Vögel wurden nun von uns bei Regen noch vermessen und schnell wieder freigelassen. Ohne Dach über dem Kopf ist es für Beringer und Schreiber jeden Nachmittag aufs Neue eine Herausforderung, Vogel bzw. Datenblatt möglichst trocken zu halten. Man selbst ist nach dieser leicht stressigen Aktion i.d.R. vollständig durchnässt. Diese evtl. unverständliche Eile ist jedoch unbedingt geboten, da die Vögel Regen im Regenwald zwar gewohnt sind, nicht jedoch, wenn sie währenddessen in einem Netz hängen. In dieser Position zeigt meist der Bauch oder die Seite des Vogels nach oben, wodurch der wasserabweisende Effekt des Gefieders auf dem Rücken und den Flügeln der Vögel kaum hilfreich ist. Es dauert bei tropischen Regenfällen nur Sekunden, bis ein Vogel, der im Netz hängt, bis auf die Haut durchnässt ist. Deshalb ist dies auf alle Fälle zu vermeiden. Nun wird auch klar, wieso ein Raum an der Forschungsstation mit geringer Luftfeuchtigkeit hilfreich ist. Hier konnten wir unsere Datenblätter, die Stoffbeutel sowie das Messequipment über Nacht auslegen, damit am nächsten Morgen alles für den anstehenden Beringungstag trocken ist, was man von unseren Klamotten nicht behaupten konnte.

Doch der nächste Fangtag entschädigte die nassen Klamotten schnell. Die Wälder, in denen wir Vögel beringten, beherbergen nicht nur endemische, sondern auch, u.a. genau deshalb, gefährdete Arten wie den Schwarzwangenkardinal (Habia atrimaxillaris). Diese Art kommt nur im äußersten Südwesten Costa Ricas und gerade noch im Nordwesten Panamas vor. Außerdem bevorzugt der Schwarzwangenkardinal vorrangig alte Sekundärwälder und Primärwälder (Cornils et al. 2015). Dazu im Gegensatz findet man die Fleckenbrust-Kronenbekarde (Onychorhynchus mexicanus) eher in jüngeren Sekundärwäldern. Seine namensgebende Krone stellt er natürlicherweise zur Balz und im Konkurrenzkampf mit anderen Artgenossen auf. Also unter Stresssituationen, wie in unserer Hand. Im Vergleich mit dem Fleckenbrust-Kronenbekarden ist der nächste Insektenfresser ein Winzling. Zusätzlich erfüllt der Vogel mit seinen verhältnismäßig großen, dunklen Augen das Kindchenschema perfekt und lässt ihn sehr niedlich wirken. Die Rotschwanzbekarde (Terenotriccus erythrurus) ernährt sich v.a. von Zwergzikaden, die er in der mittleren und oberen Schicht des Regenwaldes findet. Allgemein sind es nicht nur die Kolibris, die die kleinen Vertreter der Vögel in den Tropen stellen, einige insektivore Arten sind oft nicht viel größer als die meisten Kolibriarten. Wie die eben genannte Art, so auch der Hellbauch-Kleintyrann (Zimmerius parvus). Der Anteil der kleineren Vogelarten überwiegt beim Mist Netting mit 16 mm Maschenweite selbstverständlich den tatsächlichen Anteil in dieser Vogelgemeinschaft. Doch aufgrund der Nachweismethode des Mist Nettings und neuer statistischer Methoden (Chao et al. 2023) lassen sich beide Fangperioden trotz nicht ganz perfekter Abbildungen der Vogelgemeinschaften vergleichen. Für größere Arten, die auch noch seltener im dichten Unterholz vorkommen als in offeneren Lebensräumen (bspw. Baumkronen oder Offenland), sind dagegen andere Nachweismethoden wesentlich effektiver. Vögel, für die das Mist Netting im Unterholz aufgrund der Lebensweise und Größe prädestiniert ist, sind u.a. Schnurrvögel (Pipridae). Die Arten dieser Familie sind meist aufgrund des außergewöhnlichen Balzverhaltens bekannt. Zur Fortpflanzung schreiten fast ausschließlich Männchen, die sich in der Rangordnung des Leks am höchsten befinden. Männchen untereinander zeigen demnach eine wesentlich größere Varianz an Partnern und Nachkommen als Weibchen (Lill 1974). Die Weißkragenpipra (Corapipo altera) ist hierfür nur ein Beispiel unter vielen.

Mit Fortschreiten der Mist Netting-Saison sind die allermeisten Vogelarten im Südwesten Costa Ricas bereits bekannt und die Unterholzbewohner von uns mindestens einmal beringt worden. Jedoch ist die Artenliste der Unterholzvögel Costa Ricas wesentlich länger, sodass allein in den letzten vier Tagen noch zwei Arten mit ein bzw. zwei Fängen zu unserer Beringungsliste hinzukamen. Den Abschluss bildete der Violettdegenflügel (Campylopterus hemileucurus). Diese Kolibriart ist die größte in ganz Mexiko und Zentralamerika und bewohnt Bergwälder. Damit liegt unser Nachweis dieser schillernden Vogelart ca. 1.000 Höhenmeter unterhalb der eigentlichen Höhenverbreitung und bildete ein unerwartetes und würdiges Ende unserer Feldarbeit. Final haben wir innerhalb von drei Monaten knapp 1.700 Vögel beringt. Davon gehen 18 % der Fänge zurück auf den Ockerbauch-Pipratyrann (Mionectes oleagineus). Die restlichen 80 % der Fänge verteilten sich auf 98 Arten, die wir in drei Monaten in unseren Händen halten durften.

Die Ergebnisse dieses Forschungsaufenthalts und des alljährlichen Beringungsprojekts im Allgemeinen dienen vielen Absolventen dazu, Abschlussarbeiten zu verfassen und Erfahrungen zu sammeln. Spannende Ergebnisse werden folgerichtig in Journalen publiziert und stehen international zur Verfügung. So ist auch ein Manuskript zu meinen Ergebnissen in Arbeit. Das Publizieren auch von möglicherweise nicht ganz so umfänglichen und z.T. weniger detaillierten Abschlussarbeiten im Vergleich zu großangelegten Forschungsprojekten ist m.E. notwendig, um die Ergebnisse, die unter enormen Aufwand und Stress aller Absolventen und Vögel entstanden sind, für weitere Forschung und praktische Naturschutzarbeit nutzen zu können.