Am frühen Morgen des 13. Juni 2019 fing J. Hering bei Rohrsänger-Untersuchungen in einem kleinen Rohrkolbenröhricht am Gambia-Fluss in Kuntaur/Central River Division einen Sumpfbuschsänger Bradypterus baboecala im Japannetz. Unglücklicherweise wurde der Vogel von einem Spornkuckuck Centropus senegalensis getötet. Seine verbliebenen Reste wurden sichergestellt und fotodokumentiert. Es fehlten nur ein Flügel, der Schwanz und ein Bein. Die DNA-Analyse bestätigte die taxonomische Zuordnung. Von dieser im tropischen Afrika vorkommenden Singvogelart lag aus Gambia bisher kein Nachweis vor.
Um weitere Belege für das Vorkommen in Gambia zu erbringen, waren in der Folgezeit mehrmals Suchexpeditionen geplant, die allerdings coronabedingt nicht stattfinden konnten. Deshalb wurden die einheimischen Ornithologen S. Jallow und A. Ndure kontaktiert, um am Fundort mittels einer Klangattrappe nach dem Buschsänger zu suchen. Während eines zweitägigen Aufenthaltes im Februar 2021 in Kuntaur gelang ihnen jedoch kein Nachweis. Schließlich fand im Juli 2021 eine gemeinsame mehrtägige Expedition statt, wobei der Sumpfbuschsänger erneut bestätigt werden konnte. Es wurden erste Gesangsaufnahmen und Freilandfotos angefertigt. Zudem fingen wir am nordöstlichen Ortsrand von Kuntaur zwei Individuen, um Daten zur Gefiederfärbung, Biometrie und Mauser sowie Blutproben für genetische Analysen zu sammeln. Das Begehen der hauptsächlich mit Rohrkolben bewachsenen Sümpfe war nur mit Wathosen möglich und durch Schlammmächtigkeit sowie vielerorts ausgeprägte Knickschicht stark eingeschränkt. Zudem erschwerten Temperaturen von bis zu 42 °C die Feldarbeit.
Aufgrund großflächiger Habitatzerstörungen waren in der Umgebung von Kuntaur keine weiteren Untersuchungen möglich. Wir suchten demzufolge anderenorts nach Vorkommen dieser kryptischen Singvogelart. Ein über GoogleEarth identifiziertes, westlich von Kuntaur gelegenes, hunderte Hektar großes Feuchtgebiet am Nianija Bolon schien erfolgversprechend. Sofort nach Ankunft gab es auch die erhoffte Reaktion auf den vorgespielten Gesang. Es wurden an verschiedenen Stellen vier Individuen gefangen und wie in Kuntaur nach unseren Untersuchungen wieder freigelassen. Die Feststellung von 10 bis 12 singenden Sumpfbuschsängern entlang einer mehrere hundert Meter langen Fahrpiste zeigte, dass an diesem Seitenarm des Gambia-Flusses sehr wahrscheinlich ein großes Vorkommensgebiet existiert. Zusätzliche Stichproben in Rohrkolben- und Schilfbeständen in der Lower River Division (Willingara Ba, Pakali Ba Bridge) und der Western Division (Banjul) verliefen hingegen ergebnislos.
Die adulten Sumpfbuschsänger mit ihren kurzen, abgerundeten Flügeln wiesen eine typische warmbraune Oberseite auf. Kinn und Kehle waren fein schwarzbraun gestreift. Der lange, breit gerundete Schwanz zeigte schmale Wachstumsstreifen auf allen zwölf Federn. Zwei der sechs Vögel befanden sich in fortgeschrittener, exzentrisch-deszendenter Handschwingenmauser. Auf die Möglichkeit einer gewissen Plastizität im Mauserablauf bei dieser Art weist die vergleichsweise nahezu regelhaft deszendent (von innen zur Flügelspitze gezählt) ablaufende nachbrutzeitliche Handschwingenmauser bei nahezu fast allen von D. Oschadleus untersuchten südafrikanischen Sumpfbuschsängern in Western Cape, Südafrika, hin. Diese Variabilität der Mausersequenz ist von anderen Spezies aus der Familie der Locustellidae bereits bekannt.
Die Gesangsaufnahmen lassen bei einer Frequenz bis 3,8 kHz hörbares Flügelschlagen zum Ende hin erkennen, mit abschließender Temposteigerung des Gesangs. Damit ähneln sie laut F. Dowsett-Lemaire denjenigen im westlichen Zentralafrika.
Vom Sumpfbuschsänger sind in Westafrika disjunkte Populationen in Ghana, Togo und Benin, Nigeria sowie Kamerun bekannt. Die Unterartenfrage ist hierbei aber noch weitgehend ungeklärt. Auch gibt es offene Fragen hinsichtlich der taxonomischen Abgrenzung zum nahe verwandten Papyrusbuschsänger Bradypterus centralis. Zunächst ist aber sicher, dass Buschsänger aus Gambia einem Vogel vom Tschad-See in Nigeria genetisch sehr nahe stehen. Gespannt wird nun die genetische Untersuchung der 2021 gesammelten Proben erwartet, vor allem auch unter Berücksichtigung weiterer Bradypterus-Proben aus anderen Teilen Afrikas.
Es ist rätselhaft, weshalb diese zwar in der Vegetation versteckt lebende, aber markant und laut singende Buschsängerart bisher in Gambia nicht nachgewiesen wurde. Ihr Vorkommen wird vermutlich “nur” auf ausreichend große und immerfeuchte Rohrkolbenbestände in der Central River Division beschränkt sein, doch blieb diese Region in der langen Geschichte der ornithologischen Erforschung des kleinen Landes keinesfalls ausgespart. So wurden in den Süßwassersümpfen dieses Landesteils beispielsweise 1991 der Papyrusrohrsänger und in den 1990er Jahren der Zimtrohrsänger Acrocephalus baeticatus regelmäßig nachgewiesen. Zudem frequentieren seit Jahrzehnten zahlreiche ornithologische Reisegruppen diese Region. Die beiden genannten Rohrsängerarten besiedeln hier den gleichen Lebensraum wie der Sumpfbuschsänger. Von einem erst kürzlich entstandenen Vorkommen ist nicht auszugehen, da die kurzflügeligen Buschsänger bekanntlich hauptsächlich Standvögel sind und in der Regel keine großen Wanderbewegungen unternehmen. Demzufolge vermuten wir eine sehr alte Population in den Sümpfen am Gambia-Fluss.
Weitere geplante Untersuchungen in Gambia sollen vor allem zusätzliche Erkenntnisse zur Verbreitung und Brutbiologie erbringen. Speziell wären dauernasse Typha-Sümpfe zu erkunden. Besondere Beachtung verdient die akute Gefährdung dieses avifaunistisch wertvollen Lebensraums. Allein in Kuntaur waren 2021 im Vergleich zu 2019 extreme Habitatveränderungen feststellbar. Die Sumpfgebiete waren größtenteils durch neue Reisanbauflächen und Rinderbeweidung zerstört. Sehr wahrscheinlich verschwinden auch andernorts die Feuchtgebiete in der Central River Division, und das in rasender Geschwindigkeit. Hier sollte schnell gehandelt und solche großen Areale wie am Nianija Bolon unter strengen Schutz gestellt werden. Andernfalls müsste schon kurz nach der Entdeckung des Sumpfbuschsängers mit seinem Aussterben in Gambia gerechnet werden. In ähnlicher Weise bedroht sind weitere hier vorkommende Brut- und Rastvogelarten wie auch Nahrungs- und Schlafgäste. Dazu gehören beispielsweise Zwergdommel Ixobrychus minutus, Kapralle Rallus caerulescens, Smaragdhuhn Porphyrio madagascariensis, Papyrusrohrsänger, Zimtrohrsänger und Heuglinzistensänger Cisticola marginatus.
Kommentare können nicht mehr abgegeben werden.