Seit 2016 finden Erfassungen zur Brutvogelfauna des Nassersees in Südägypten statt, die von Jens Hering und Olaf Geiter initiiert, organisiert und durchgeführt werden. Über diese Expeditionen wurde schon viel berichtet, denn es gab immer Erstnachweise und einmalige Beobachtungen zu vermelden. Auch mir sollten solche gelingen, als ich die Gelegenheit bekam, auf der 5. Schiffsexpedition vom 27.03. bis 07.04.2023 auf dem Nassersee teilzunehmen. Zeitlich lag der Reisetermin zu Beginn der Brutzeit der lokalen Avifauna und gegen Ende der Zugzeit der paläarktischen Migranten. Der Nassersee ist ein Stausee am Nil in Oberägypten und im Nordsudan. Er entstand 1964 durch die Aufstauung des Nilwassers durch den Assuan-Hochdamm und ist etwa 500 km lang und 5 bis 35 km breit. An den Ufern des Sees wachsen schmale Tamarisken-Gehölze und Schilf, die Lebensraum für Vögel bieten. Hier wurde an zahlreichen Plätzen an den Ufern und Inseln des Nassersees Netze aufgestellt, Vögel gefangen, bestimmt, vermessen und beringt. Das schnell eingespielte Team aus 12 Beringern und einer Beringerin – das war ich – nahm in diesen Tagen 2.847 Beringungen von 62 Arten vor. Dazu kamen Wiederfänge aus den Vorjahresexpeditionen und Vögel mit Ringen anderer Vogelwarten.
Neben diesem Hauptziel der Expedition „Fang und Beringung“, hatte ich mir vorgenommen, Aufnahmen von Vögeln zu machen, denn auch hierzu gibt es wenige Untersuchungen aus diesem Gebiet und über Lautäußerungen von Vögeln auf dem Zug ohnehin nicht. Unterschätzt hatte ich definitiv, dass für Netzfänge gerne und durchgängig Klangattrappen eingesetzt werden. Das bedeutete eine besondere Herausforderung hinsichtlich meiner geplanten akustischen Aufnahmen und nicht alles ließ sich umsetzen, wie ich mir das vorgestellt hatte. Anderseits beruhte meine Planung auf schlichter Theorie über das Gebiet und über Arten, die ich noch nie gesehen oder gehört hatte. Erfahrungsgemäß ist vor Ort dann doch alles anderes, so gesehen war alles normal und gut.
Mit zwei Schiffen fuhren wir von Assuan aus zunächst nach Norden. Die Boote legten im Uferstreifen an und dienten als Übernachtungsort, Beringungsarbeitsplatz und Essplatz. Manche Beringer hatten ihren Schlafplatz direkt am Beringungstisch, sie brauchten sich nur hinzusetzen und loslegen. Ich hatte es deutlich komfortabler, als einziges weibliches Teammitglied war mir eine Einzelkabine zugeteilt worden.
Eine Art, die uns die ganze Reise begleitete, war der Haussperling Passer domesticus ssp., der hier möglicherweise mit Unterarten vertreten ist. Bemerkenswert war die Tatsache, dass Haussperlinge entlang der Ufer des Nassersees keineswegs in der Nähe von Siedlungen oder in Gebäuden brüten. Vielmehr bauen sie freie Kugelnester, teils in im Wasser stehenden Tamarisken, oder nutzen Felsen am Wüstenrand.
An den Ufern des Nassersees gibt es große Anbaugebiete für Peperoni, Paprika und Auberginen. Wir hatten Gelegenheit, diese Farmländereien zu besuchen. Die Pflanzen müssen bewässert werden, wozu sehr laute und Ruß und Öl ausstoßende Wasserpumpen permanent betrieben werden. Diese haben definitiv Auswirkungen auf die lokale Avifauna, es waren bereits auf früheren Expeditionen sehr dunkle „Ruß“- Streifenprinien (Prinia gracilis) gesichtet worden. Die Haussperlinge in diesem Gebiet gaben ihr Bestes, gegen den Lärm anzubrüllen.
In einem Farmland gelang es mir, und das ist vermutlich noch nie für Nordafrika beschrieben worden, ein Haubenlerchen-Nest zu entdecken. Es lag unter einer Teilbedeckung, durch einen Ast beschattet. Das Nest hatte einen Außendurchmesser von 72 mm und eine Tiefe von 48 mm. Die Mulde war mit trockenem Gras und einigen Wollbindfäden ausgelegt und im Nest lagen zwei Eier. Während der Reise konnte ich einige Aufnahmen von Vögeln der Region machen und diese später im Spektrogramm sichtbar machen.
Am 1. April 2023 fuhren unsere Expeditionsschiffe die kleine Insel Qasr Ibrim an. Qasr Ibrim ist ein Ruinenort in Unternubien im heutigen Ägypten und liegt etwa 60 km nordöstlich von Abu Simbel. Qasr Ibrim war erst durch den Bau des Assuan-Staudamms zu einer Insel geworden, vorher zog eine etwa 70 m hohe Felskuppe in einer weiten Ebene Menschen über Jahrhunderte an. Die Stätte war von etwa 1500 v. Chr. bis Anfang des 19. Jahrhunderts durchgängig bewohnt. Begonnen hatte die Königin Hatschepsut mit der Beauftragung des Baus einer Felsenkapelle, es folgten weitere pharaonenzeitliche Bauwerke und Bauten der Dynastien nubischer Könige. Zeichen des Malteserritterordens und der Römer lassen sich auf den 0,13 ha von Qasr Ibrim finden. Wir hatten eine Ausnahmegenehmigung, diesen historischen Ort zu betreten. Es war sicherlich einer der beeindruckendsten Momente dieser Reise, sich allein zwischen den Ruinen aus unterschiedlichen Epochen frei von Touristengruppen und Souvenirhändlern zu bewegen.
Bei den Aktivitäten zum Aufbau der Fangnetze war ein Nest mit zwei Eiern eines Senegaltriels (Burhinus senegalensis) gefunden worden. Wir waren besorgt, dass wir die Brut vielleicht zu sehr gestört hätten, denn es war den Nachmittag über kein Senegaltriel zu sehen gewesen, dabei gelten Triele im allgemeinen als „laute“ Vögel. Daher beschloss ich, eine Kamera am Nest aufzustellen und siehe da, kaum war es dunkel geworden, kümmerten sich beide Elternvögel um ihre Eier.
Eine ausführlichere Beschreibung der Beobachtung ist im Journal DER FALKE 1/2024 erschienen und ist nach eigenen Recherchen die erste Veröffentlichung über das nächtliche Brutverhalten von Senegaltrielen überhaupt. Im Lauf des nächsten Vormittags wurden alle Netze eingesammelt und die Insel wieder ihrer historischen Einsamkeit überlassen. Es ist daher anzunehmen, dass die Brut erfolgreich beendet werden konnte.
Auf dieser Reise hatte ich Gelegenheit, Vogelarten in der Hand zu halten, die ich sonst bestenfalls durchs Fernglas gesehen oder wie im Falle der Zwergohreule (Otus scops) nur gehört hatte. Das altersmäßig sehr gemischte Team machte richtig Spaß. Erlebnisse wie die rastenden Flamingos, schwimmenden Pelikane, sehr frühes Aufstehen, das mit wunderbaren Sonnenaufgängen und oft guten Vogelfängen belohnt wurde, nächtliche Exkursionen nach fluoreszierenden Skorpionen, Sonnenuntergänge beim gemütlichen Bier an Deck und viele, viele Eindrücke mehr machten diese Reise zu einem unvergesslichen Abenteuer. Und meine Aufnahmen geben einen guten Grundstock für hoffentlich weitere Untersuchungen. Die GTO unterstützte die Reise, wofür ich mich herzlich bedanke.
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