Ende 2020 begab ich mich auf eine Expedition nach Sambia im südlichen Afrika, um den dort endemischen Rußköpfchen (Agarpornis nigrigensis), einer der bedrohtesten Agaporniden des Afrikanischen Kontinents, auf der Spur zu sein. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse verdeutlichten die Wichtigkeit genetischer Untersuchungen an Agaporniden-Populationen, an denen wir beim World Parrot Trust seitdem arbeiten. Die nächste Etappe ist nun Malawi, „das warme Herz Afrikas“, wo wir zusätzliche DNA-Proben nehmen und zum ersten Mal Nestboxen für Agaporniden im Freiland installieren möchten, um die freilebende Population der Erdbeerköpfchen (Agapornis lilianae) zu unterstützen.
Malawi ist ein kleines, aber dicht besiedeltes Land. Die Bezeichnung „warmes Herz Afrikas“ ist keine Übertreibung: Selbst während der Wintermonate (Juni, Juli) ist das Klima dort angenehm warm und tropisch. Der Ausdruck bezieht sich aber genauso auf das warme und gastfreundliche Wesen der Malawier, welches ich auch auf meiner dreiwöchigen Reise dort kennenlernen durfte.
Nun sollte ich auch die Malawierin Dr. Tiwonge Gawa-Mzumara, eine der ersten Erforscher*innen wilder Agaporniden und Mitarbeiterin beim World Parrot Trust zum ersten Mal treffen. Sie erzählte mir ihre persönliche und recht traurige Geschichte zur Forschung an Agaporniden: Sie interessierte sich für diese Vögel, seitdem sie von „Liwonde’s Juwelen“ gehört hatte: Als Juwelen wurden diese kleinsten der vier Papageienarten in Malawi bezeichnet, die sie aber selbst zuvor nie gesehen hatte. Später fand sie heraus, dass die Population der Erdbeerköpfchen heute nur noch auf den kleinen, geschützten Bereich des Liwonde-Nationalparks im Herzen des Landes beschränkt ist. Dr. Gawa’s frühe Tage als Forscherin begannen nämlich mit einer tragischen Entdeckung während ihrer Suche nach Erdbeerköpfchen an einem der Wasserlöcher während der Trockenzeit. Dort saßen die kleinen Papageien augenscheinlich aufgereiht am Wasserloch. Bei näherem Hinsehen sah sie jedoch, dass sie nicht trinken, sondern starr und leblos am Wasser lagen. Das war herzzerreißend und sicherlich nicht das, was sie sich für ihr erstes Aufeinandertreffen mit den Agaporniden vorgestellt hatte.
Dieses Ereignis war der Auslöser für viele Grundlagenstudien, wobei entdeckt wurde, dass ein Problem für diese Vögel darin besteht, dass sie neben anderem Wild von Wilderen an Wasserlöchern vergiftet werden. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, dass diese Juwelen Malawis eines Tages ausgerottet sein könnten. Ich freute mich nun darauf, mit ihr über ihre Reise reden zu können und mehr über ihre Forschung zu erfahren, bevor ich das Projekt startete. Wir begannen damit, die 60 Nestboxen zu inspizieren, die von Herrn Robert Gondwe und seinem Team von der University of Science and Technology (MUST), Dr. Gawa’s Arbeitgeber, gebaut worden waren. Die Boxen wurden mithilfe von Experten in der Vogelzucht und globalen Papageienforschern entwickelt. Ziel war es eine gute Mischung zwischen Widerstandsfähigkeit und natürlichem Aussehen bzw. den Präferenzen der Agaporniden für die Nestboxen zu finden. Wir entschieden uns dafür, PVC-Rohre zu nutzen und uns bezüglich der Dimensionen auf Dr. Gawa’s Daten, die sie bei Nisthöhlen im Freiland gesammelt hatte, zu verlassen. Die Außenseite wurde mit Holz verkleidet, um ein natürliches Aussehen zu gewährleisten und Schutz gegen die Sonne zu bieten. Glücklicherweise entwickeln die Mopane-Bäume (Colophospermum mopane), die natürlichen Brut- und Schlafbäume der Agaporniden, zu Beginn der Brutzeit ihre Blätter und bieten damit den nötigen Schutz vor der Sonne. Aus diesem Grund entschieden wir uns dafür, die Boxen ausschließlich in diese Bäume zu hängen.
Nach dem Verladen der Boxen führte Dr. Gawa uns zu allen drei aktuell genutzten Schlafplätzen im Nationalpark, die sie im Rahmen ihrer Forschung in vorangegangenen Jahren identifiziert hatte. Wir entschieden uns, hier einige zusätzliche Boxen aufzuhängen und zu beobachten, ob sie angenommen werden. Aus langer Zuchterfahrung ist bekannt, dass diese Vögel solche Boxen schnell annehmen, aber würden sie sie auch in ihrem natürlichen Lebensraum nutzen? Solch ein Versuch wurde bislang noch nicht durchgeführt.
Aber damit noch nicht genug: Erdbeerköpfchen sind nicht territorial, sie rasten und brüten in Trupps, was uns die Möglichkeit gab, die Boxen recht nahe an existierende Rast- und Brutplätze zu hängen. Eine interessante Frage, die wir damit beantworten möchten, ist, ob wir das Brut- und Schlafgebiet der Unzertrennlichen erweitern können, wenn wir die Boxen auch etwas weiter entfernt installierten. Daher wurde nur die Hälfte der Boxen im bekannten Brut- und Schlafgebiet aufgehängt, während die anderen etwa 1 bis 2 km entfernt montiert wurden. Was für eine unglaubliche Möglichkeit, wenn die Agaporniden diese Nester in Zukunft nutzen würden! Insbesondere vor dem Hintergrund, dass nur alte Mopane-Bäume natürliche Höhlen für diese kleinen Vögel bieten. Im dicht besiedelten Malawi sind Mopane-Bäume stark für Bauholz und Kohleproduktion gefragt. Damit birgt dieses Projekt eine große Hoffnung für die kleinen Papageien. Die Forschung hat die Wichtigkeit dieser großen, alten Mopane-Bäume gezeigt, sodass der Schutz der Bäume und die Wiederaufforstung beginnen sollten. Die Mopane-Bäume brauchen viele Jahre, um ihr volles Potenzial und den Nutzen für die Vögel zu entwickeln, in der Zwischenzeit können die Boxen aber helfen, den Nistplatzmangel zu überbrücken. Wenn das Projekt erfolgreich ist, könnten wilde Agaporniden in ganz Afrika von Nestboxen profitieren, da eine der größten Bedrohungen derzeit von Rast- und Nistplatzmangel ausgeht.
Der Liwonde-Nationalpark hat mich von Anfang an fasziniert. Auf der vier- bis fünfstündigen Fahrt zum Park passierten wir etliche kleinere Dörfer, Buschland und einige große Affenbrotbäume, anscheinend die einzige Baumart, die hier nicht flächendeckend gerodet wird. Beim Betreten des Parks zeigte sich aber ein komplett anderes Bild: Wir fanden uns in einem grünen, üppigen Mopane-Wald wieder, durchsetzt mit einzelnen, meist blattlosen Affenbrotbäumen. Einige der kleineren Mopane-Bäume waren durch Elefanten beschädigt, die sehr zahlreich im Park anzutreffen waren und sich die Blätter schmecken lassen. Auch wenn die Bäume darunter litten, so zeigt sich anhand der wachsenden Elefantenpopulation eindrücklich, wie gut der Schutz vor Wilderen im Park funktionierte. Die Vermehrung der Elefanten im Liwonde-Nationalpark erlaubt nun die Abgabe einiger Tiere in andere geschützte Gebiete Afrikas, in denen es weniger Elefanten gibt, so dass einige der Tiere in andere Gegenden Afrikas gebracht wurden.
Wir passierten eine alte Holzbrücke und das Abenteuer begann. Nach dem Aufbau des Camps starteten wir am Nachmittag zum ersten Schlafplatz der Agaporniden im Park. Der Ehrgeiz hatte mich gepackt und ich stellte das erste Netz, um Vögel zu fangen und DNA-Proben gewinnen zu können. Die Netze blieben leider leer, aber wie Dr. Gawa prophezeit hatte, flogen die Erdbeerköpfchen während der Dämmerung zum Schlafen in das Gebiet ein. Es war großartig, wie die Juwelen Liwonde‘s auf der Suche nach ihren Höhlen den Himmel färbten. Dies war ein vielversprechender Platz und wir wollten am nächsten Tag wiederkommen, um die Nestboxen anzubringen.
Früh am nächsten Morgen versuchte ich es wieder mit dem Fang. Die quirligen Vögel verließen aber schnell die Schlafhöhlen und passierten das Netz auf der Suche nach Futter und Wasser. Das Aufhängen der Nestboxen funktionierte dagegen hervorragend, auch weil wir uns die Arbeit gut aufteilten. Aufgrund ihrer Erfahrungen wies Dr. Gawa uns an, wie hoch wir die Boxen hängen sollten. Am Abend entdeckten wir die Vögel und notierten den Einflug. Nach getaner Arbeit fuhren wir zum Camp zurück, wobei wir nach dem langen Tag unter der heißen Sonne von einem Ereignis wieder wachgerüttelt wurden: Ein großer Elefant stand mitten auf dem Weg und wir mussten warten, bis sie und ihr Kalb das aus Mopane-Blättern bestehende Abendessen beendet hatten. Eine tolle Erfahrung, aber wir waren doch alle etwas eingeschüchtert, da Elefantenmütter ihre Kälber sehr vehement beschützen und auch Autos wie unser Allrad-Fahrzeug kein Hindernis darstellen. Glücklicherweise war dieses Exemplar aber sehr entspannt und ließ uns unsere Fahrt nach einer halben Stunde fortsetzen.
Um 4 Uhr am nächsten Morgen schrillte der Wecker. Wir wollten vor Sonnenaufgang am Rastplatz sein, um die DNA-Proben zu sammeln. Ich hatte zwei kelchförmige Netze dabei, die mithilfe einer ausziehbaren Stange und einer Leiter vor einer der bekannten Schlafhöhlen angebracht wurden, wo sich die Vögel aufhielten. Und wir hatten Glück! Eine Familie mit fünf Individuen hatte dort geschlafen und vier Vögel gingen ins Netz. Während der kurzen Behandlungszeit nahmen wir die Blutprobe, maßen und wogen die Vögel genau und alle wurden mit einer individuellen Farbkombination beringt. Anschließend ließen wir alle gemeinsam frei, damit sie ihr wohlverdientes Frühstück einnehmen konnten.
Die Tage vergingen im gleichbleibenden, effizienten Arbeitsrhythmus. Spätabends erfolgte die Identifikation der Schlafbäume, frühmorgens die Probengewinnung, tagsüber das Anbringen der Nestboxen und abends wiederum die Schlafplatzidentifikation. Es waren sehr lange Tage, aber es war definitiv die Mühe wert! Nach der Einrichtung dieser effektiven Arbeitsprozeduren konnten wir unser neu erlerntes Wissen an die Studenten der MUST weitergeben, die am nächsten Camp, wohin wir reisten, eintrafen. Dieses Camp war etwas abenteuerlicher als das erste, da große Wildtiere direkt an unseren Hütten vorbeispazierten. Raffinierte Affen stahlen unser Essen und Warzenschweine und Elefanten waren regelmäßige Gäste. Nilpferde kamen morgens aus dem Fluss und grasten am Camp, wenn wir zur Feldarbeit aufbrachen. Glücklicherweise trafen wir nur einmal ein Nilpferd auf dem Weg an und konnten langsam rückwärtsfahren, ohne den Giganten zu stören. Ganz bestimmt wollten wir kein unglückliches Zusammentreffen mit solch einem großen Tier.
Nachdem wir den Studenten unsere Forschung vorgestellt hatten, erlernten sie auch die Probennahme zur DNA-Analyse und die Installation der Nestboxen. Es war eine schöne Erfahrung für alle und die morgendliche Müdigkeit wurde schnell vom Adrenalin vertrieben, das das Fangen der ersten Unzertrennlichen und das Klettern in die Bäume mit sich brachte. Gemeinsam mit meiner Praktikantin Tamara Chirwa von der Wildlife & Ecology Society von Malawi (WESM) werden die Studenten die Nestboxen nach einer 6-monatigen Eingewöhnungsphase der Vögel genau zum Zeitpunkt vor der Brutzeit beobachten. Sie werden feststellen, ob und wie die Nistkästen genutzt werden. Zusätzlich werden sie Verhaltensstudien durchführen, wobei sie die individuell beringten Vögel beobachten. Ich muss zugeben, dass ich etwas neidisch bin, dass sie zurückgehen werden, um die Nestboxen zu kontrollieren und ich nicht dabei sein kann. Auf der anderen Seite macht die Spannung, was sie Neues zu Tage fördern, dieses wieder wett. Jetzt heißt es Daumen drücken, dass uns bald gute Neuigkeiten erreichen!
Durch die perfekte Zusammenarbeit konnten wir die mühsame Feldarbeit etwas früher als geplant abschließen und ich verbrachte die restliche Zeit am Malawisee. Die berühmten Malawi-Buntbarsche und die Darwinfinken waren die ersten Beispiele für Evolution, denen ich im Schulbuch in der Oberstufe begegnet war. Was für eine tolle Erfahrung, dass ich die Fische, über die ich so viel gelernt hatte und die mein Interesse an der Evolution geweckt hatten, jetzt live sah. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, bekam ich sogar die Gelegenheit zu einem Tauchgang mit einem emeritierten amerikanischen Biologieprofessor, der sich sein Leben lang mit der sexuellen Selektion dieser bunten Fische beschäftigt hatte.
Malawi, ich werde Dich mein Leben lang im Herzen tragen und hoffe, dass ich das schöne Land und seine freundlichen Menschen wiedersehen kann. Sikomo (Danke auf Chichewa) für diese unvergessliche Forschungsreise!
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