In den letzten Jahrzehnten hat der Graupapagei (Psittacus erithacus), ein Mitglied der Psittacidae, eine der größten und am stärksten gefährdeten Vogelfamilien der Welt, drastische Rückgänge seiner Population im gesamten Verbreitungsgebiet erlitten. Die Hauptursachen für diesen Rückgang sind illegaler Fang für den Wildtierhandel und Lebensraumverlust. Die Erhebung von Populationsdichten ist ein wichtiges Instrument im Naturschutz, um Populationstrends zu bewerten, Bedrohungen zu identifizieren und Schutzmaßnahmen zu entwickeln, insbesondere für gefährdete Arten. So bilden Informationen über Populationsdichten und -trends beispielsweise die Grundlage für die Rote Liste der bedrohten Arten der IUCN. Ziel meiner Forschung war es, die Populationsdichten von Graupapageien und mehreren Hornvogel- und Turakoarten zu bestimmen.
Um mein Projekt zu verwirklichen, arbeitete ich mit dem Doktoranden Andres Angulo Rubiano der Abteilung Conservation Biology der Georg-August-Universität in Göttingen zusammen. Unser Plan war es, im Frühjahr 2023 gemeinsam in den Campo Ma’an- und den Lobéké-Nationalpark in Kamerun zu reisen. Leider verzögerte sich die Forschungsgenehmigung, und unsere Reise musste vorerst verschoben werden. Herr Rubiano reiste im Juni 2023 in den Campo Ma’an-Nationalpark. Ich konnte ihn leider aufgrund des Zeitrahmens bzw. Kursplans meines Masterstudiums nicht begleiten. Nichtsdestotrotz konnte die Datenerhebung für mein Projekt sichergestellt werden. In enger Zusammenarbeit mit Herrn Rubiano übermittelte ich meine Methodik an eine kamerunische Ornithologin, Joyceline Mzoyem, die die erforderlichen Daten in Vertretung für mich sammelte.
Im November 2023 konnte ich schließlich meine Reise nach Kamerun in den Lobéké-Nationalpark antreten. Allerdings wurde der Beginn der Reise aufgrund der verlängerten Regenzeit, eine Folge des Klimawandels, erneut um einige Wochen verschoben. Am 20. November kamen wir in Yaoundé, der Hauptstadt Kameruns, an, wo wir in der Unterkunft des Congo Basin Institute (CBI) übernachteten. Das CBI, das als regionales Zentrum für Forschung, Innovation und Kapazitätsaufbau im Kongobecken dient, leistete uns wertvolle Unterstützung bei der Planung und Durchführung unseres Projekts, indem es uns mit lokalen Kooperationspartnern in Verbindung brachte. Die erste Woche verbrachten wir damit, in der Hauptstadt logistische Vorbereitungen zu treffen und mit Hilfe lokaler Kontakte die notwendigen Vorräte für unseren Aufenthalt im Regenwald zu beschaffen.
Die Reise zum Lobéké-Nationalpark dauerte drei Tage, mit täglich mehr als 12 h Fahrzeit. Nach unserer Ankunft am Parkhauptquartier benötigten wir einige Tage, um uns mit der Parkverwaltung zu koordinieren und uns von der langen Reise zu erholen. Schon am ersten Tag meiner Feldarbeit konnte ich mehrere Schwärme von Hornvögeln, Graupapageien und Turakos beobachten. In der folgenden Woche legten wir täglich bis zu 12 Kilometer zurück, um Daten zu sammeln. Leider verschlechterte sich mein Gesundheitszustand während der Feldarbeit, sodass ich gezwungen war, früher als geplant nach Deutschland zurückzukehren, da ein längerer Aufenthalt im Regenwald nicht mehr vertretbar war. Glücklicherweise lernte ich im Parkhauptquartier ein Forscherteam aus den USA kennen, das mich freundlicherweise mit zurück nach Yaoundé nahm. Dies ermöglichte es meinem Team und besonders meiner Feldassistentin Joyceline, vor Ort zu bleiben und die Aufnahmen wie geplant abzuschließen.
Ursprünglich war geplant, neben dem Populations-Monitoring Interviews mit der lokalen Bevölkerung zu führen, um potenzielle Ursachen für den erwarteten Rückgang der Vogelpopulationen, wie Wilderei und Jagddruck, in einem sozioökonomischen Kontext zu untersuchen. Leider war es mir nicht möglich, offizielle Interviews durchzuführen, da die Einbeziehung von menschlichen Probanden in meine Forschung eine Genehmigung des Nationalen Ethikkomitees erfordert hätte, was wiederum eine weitere Forschungsgenehmigung notwendig gemacht hätte – Ressourcen, die mir nicht zur Verfügung standen. Infolgedessen wurde der sozioökonomische Kontext nur durch eine Literaturrecherche behandelt. Ich empfehle insbesondere die Veröffentlichung von Lambini et al. (2019), um ein Verständnis des sozioökonomischen Kontextes im Lobéké-Nationalpark zu gewinnen. Dennoch konnte ich durch informelle Gespräche mit Einheimischen, darunter Dorfbewohner Mambalés und Mitglieder der Baka-Gemeinschaft, wertvolle Informationen über die Zielarten sammeln. Die Gespräche lieferten Informationen über das Verhalten der Vögel und deren Verbreitung im Nationalpark, sowie Einblicke in das Zusammenleben von Mensch und Tier in den Schutzgebieten und um sie herum. Die Zusammenarbeit und der Austausch mit der lokalen Bevölkerung waren für meine Arbeit in Kamerun von großer Bedeutung, nicht nur für die Planung und Durchführung des Projekts, sondern auch für das Verständnis der lokalen Umwelt und Tierwelt, sowie des sozioökonomischen Kontextes. Auf persönlicher Ebene war meine Zeit in Kamerun unglaublich wertvoll. Die Erfahrungen im Feld, umgeben von der besonderen Flora und Fauna, sowie die Freundschaften, die ich schloss, sind unvergesslich.
Nach meiner Rückkehr nach Deutschland begann ich mit der Analyse der gesammelten Daten. Hauptziel meiner Forschung war es, die Populationsdichten von Graupapageien und mehreren Hornvogelarten (Ceratogymna atrata, Bycanistes subcylindricus, B. albotibialis, B. sharpie) sowie von Turakos (Corythaeola cristata, Tauraco macrorhynchus, Tauraco persa) zu bestimmen. Im Fall der Graupapageien verglich ich die neu gewonnenen Daten mit vorhandenen Literaturwerten (Marsden et al. 2016), um potenzielle Populationstrends zu identifizieren. Basierend auf globalen Trends erwartete ich einen Rückgang der Populationsdichte von Graupapageien. Die Menge und Qualität der Daten erlaubten keine Distanzstichprobenanalyse, sodass die weitere Analyse der Daten auf der relativen Häufigkeit, d.h. den Begegnungsraten, basierte. Auf Anraten meines Betreuers habe ich den Umfang meiner Masterarbeit auf Graupapageien beschränkt, um sicherzustellen, dass das Thema im Rahmen der Arbeit angemessen behandelt wird. Nichtsdestotrotz hat mein Projekt einen wertvollen Datensatz über die relative Häufigkeit von Graupapageien, Hornvögeln und Turakos geschaffen, wobei die Hornvogel- und Turakodaten als Grundlage für zukünftige Masterarbeiten dienen.
Um die relative Häufigkeit von Graupapageien bzw. die Begegnungsraten zu berechnen, analysierte ich Graupapageien-Beobachtungen von Linien-Transekten mit einer Gesamtlänge von 94,2 km, die im Campo Ma’an-Nationalpark während der Brutzeit (Juni 2023) und im Lobéké-Nationalpark und dessen Randzone in der Nachbrutzeit (Dezember 2023) gesammelt wurden. Beide Parks sind dafür bekannt, in der Vergangenheit hohe Dichten von Graupapageien beherbergt zu haben. Die Transekte wurden in den Waldgebieten beider Nationalparks angelegt, unabhängig von bestehenden Wegen und Straßen. In der Randzone von Lobéké wurde ein Transekt entlang einer Straße in der Nähe des Dorfes Mambalé angeleg. Die beiden untersuchten Nationalparks weisen unterschiedliche Waldtypen auf: Der Lobéké-Nationalpark besteht hauptsächlich aus ungestörtem Primärwald, während der Primärwald von Campo Ma’an durch früheren selektiven Holzeinschlag stark beeinträchtigt wurde und zahlreiche Sekundärpflanzenarten enthält. Darüber hinaus verzeichnet Lobéké geringere jährliche Niederschläge, was zu einer trockeneren Vegetation führt. Die Datensätze der Lobéké-Untersuchungsgebiete und beider Nationalparks wurden verglichen und auf statistisch signifikante Unterschiede getestet. Zusätzlich wurden die Datensätze beider Nationalparks mit den vor zehn Jahren an räumlich ähnlichen Untersuchungsstandorten erhobenen Daten von Marsden et al. (2016) verglichen.
Entgegen meinen Erwartungen blieben die Begegnungsraten innerhalb der Schutzgebiete über das letzte Jahrzehnt stabil, mit 1,6 ± 0,1 Schwärmen/km im Campo Ma’an-Nationalpark und 3,6 ± 0,3 Schwärmen/km im Lobéké-Nationalpark (Tab. 1). Dennoch ist es schwierig, Populationsrückgänge an diesen Untersuchungsorten endgültig auszuschließen. Es ist davon auszugehen, dass Graupapageien in beiden Nationalparks weiterhin illegal gefangen werden, darunter auch Altvögel, was eine ernsthafte Bedrohung für die Populationsstabilität darstellt.
Die Ergebnisse der Untersuchung zeigten höhere Begegnungsraten im Lobéké-Nationalpark im Vergleich zum Campo Ma’an-Nationalpark (Tab. 1). Dieser Unterschied könnte auf die unterschiedlichen Waldtypen in den beiden Parks zurückzuführen sein. Es wurde bereits von Tamungang et al. (2014) hypothetisiert, dass die Pflanzenzusammensetzung, die das Nahrungsangebot beeinflusst, ein Schlüsselfaktor für die Verbreitung von Graupapageien ist. Daher liegt nahe, dass Unterschiede in der Pflanzenzusammensetzung auch die Papageiendichten beeinflussen könnten. In welchem Ausmaß Niederschlagsgradienten und die daraus resultierenden Unterschiede in der Vegetationszusammensetzung die Dichte von Graupapageien in den Regenwäldern des Kongobeckens beeinflussen, bedarf weiterer Untersuchungen.
In der Randzone von Lobéké waren die Begegnungsraten mit 1,1 ± 0,2 Schwärmen/km (Tab. 1) signifikant niedriger als im Park selbst. Es gibt nur geringe Unterschiede zwischen der Landschaft innerhalb und außerhalb des Parks: Während der Lobéké-Nationalpark hauptsächlich aus ungestörtem Primärwald besteht, umfasst die Randzone selektiv abgeholzten Primärwald und menschliche Infrastrukturen wie kleine Dörfer und Straßen. Holzeinschlag in Primärwäldern führt oft zur Zerstörung von wichtigen Habitatelementen des Graupapageis, wie Brut-, Schlaf- und Nahrungsbäumen, was wahrscheinlich Ursache der niedrigeren Begegnungsraten in der Randzone im Vergleich zum Parkinneren ist. Obwohl einige Studien nahelegen, dass Graupapageien anthropogene Lebensräume intensiv nutzen (z.B. Dueker et al. 2020), unterstreichen meine Ergebnisse die Bedeutung von Schutzgebieten für die Erhaltung lebensfähiger Graupapageienpopulationen.
Gemeinsam mit meinen Betreuern hoffe ich, diese Ergebnisse in naher Zukunft zu veröffentlichen. Während weitere Forschung erforderlich ist, um den Einfluss von unterschiedlichen Vegetations- und Lebensraumtypen – unter Berücksichtigung besonderer Habitatelemente – auf Populationsgrößen zu erforschen, leisten meine Ergebnisse einen wichtigen Beitrag zum Schutz der Graupapageien.
Diese Arbeit wurde durch die GTO gefördert.
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